Personalisierte Medizin

 

 

 

 

 

 

Personalisierte Medizin – ein neues Schlagwort?

 

Viele verstehen unter „personalisierter Medizin“, dass sich die Medizin wieder mehr dem Patienten als "Person" (etwa im Sinne der Traditionellen Chinesischen Medizin, TCM) zuwendet und in den Mittelpunkt einer therapeutischen Behandlung stellt – das wäre allerdings eine Fehlinterpretation des Begriffes(1). Ausschlaggebend sind in der „Personalisierten Medizin“ molekulargenetische Veränderungen im Erbgut und deren Analyse um eine „maßgeschneiderte“ Therapie einzuleiten. Der Vorsitzende der „Zentralen Ethikkommission der Bundesärztekammer“ Urban Wiesing kritisiert den Begriff der „Personalisieret Medizin“: „Personale Eigenschaften manifestieren sich nicht auf molekularer, sondern auf personaler Ebene“. Anders sieht dies der österreichische Genetiker Markus Hengstschläger, Vorstand des Instituts für medizinische Genetik an der MedUni Wien, der den neuen Forschungsbereich der personalisierten Medizin zwar als sehr jungen Forschungsbereich jedoch als „Paradigmenwechsel“ sieht. Basis für die personifizierte Medizin ist die Biomarkerdiagnostik, die in den letzten Jahren enorme Fortschritte gemacht hat.

 

Was sind Biomarker?

 

Zu Beginn ein Zitat aus der Wikipedia-Enzyklopedie: Die Biomarkerdiagnostik umfasst nicht nur das Auslesen des genetischen Codes, sondern alle Möglichkeiten zur Charakterisierung individueller Besonderheiten. Auf molekularer Ebene sind dies die diagnostischen Analysen der genomischen DNA , der mRNA und der Proteine. Therapeutisch bedeutsam ist die „personalisierte Medizin“ aktuell vor allem in der Onkologie. Ein Beispiel ist die Behandlung des metastasierenden Melanoms. Bei gut der Hälfte der Melanompatienten führt eine Überaktivität des BRAF-Proteins(2) zum Zellwachstum (Tumoren). Durch die Einführung eines entsprechenden Mutationstests kann bereits im Vorfeld erkannt werden, ob die Patienten auf eine entsprechende Therapie ansprechen. Zusätzlich können funktionale Analysen die Aktivitäten von Enzymen bis hin zu Antworten von Zellen identifizieren. (Ende des Zitats, Zugriff 2.1.2013).

 

Das National Institute of Health (NIH) definiert Biomarker als Parameter, mit denen sich „eine Eigenschaft objektiv messen lässt, um sie als Indikator für normale biologische Prozesse, pathogene Prozesse oder pharmakologische Antworten auf eine therapeutische Intervention heranzuziehen“(3). In der gleichen Arbeit wird auch auf die Prädiktiven Tests in der Onkologie hingewiesen, wobei immer wieder der bekannte Wirkstoff Trastuzumab (Hercep­tin®) mit HER2 als Zielstruktur und die beiden Antikörper gegen den Epidermalen Wachstumsfaktor-Rezeptor (EGFR), gegen Brustkrebs genannt werden. Seit Januar 2010 ist Herceptin auch gegen metastasierenden Magenkrebs zugelassen, wird allerdings in Kombination mit Capecitabin oder 5-Fluouracil und Cisplatin angewendet.

 

Insbesondere bei Brustkrebs gilt Herceptin heute als durchaus erfolgreiche Standardtherapie – vorausgesetzt, dass in einem Bluttest vorher nachgewiesen werden konnte, dass die erkrankte Frau genetisch dem „HER2-Typ“ angehört, was leider nur bei einem Viertel der Patientinnen der Fall ist. In einem früheren Beitrag in "PHARMA SELECTED" wurde bereits über Herceptin berichtet (siehe Krebsforschung).

 

Anm.: In einem Test kann auch vor einer Erkrankung festgestellt werden, ob eine Frau zum HER2-Typ gehört. In diesem Fall sollten unbedingt, besonders wenn bereits Familienangehörige an Brustkrebs erkrankt waren, die sowieso selbstverständlichen jährlichen Vorsorgeuntersuchungen (Mammographie etc.) regelmäßig und eventuell sogar häufiger durchgeführt werden - die Chancen einer Heilung mit Herceptin sind bei rechtzeitiger Erkennung besonders groß. 

 

Die „personalisierte“ Medizin wird heute für viele Indikationen intensiv beforscht, dabei wurden insbesondere bei HIV-Patienten bereits vielversprechende Erfolge erzielt. Bisher wurden in fünf Wirkstoffklassen rund 30 Medikamente gefunden, die gegen HIV wirken, durch welche die AIDS-Sterblichkeit seitdem um 75 Prozent zurückgegangen ist. Bei Mukoviszidose-PatientInnen ist ein zugelassenes Medikament deutlich weniger erfolgreich (es wirkt nur in 4 % der Fälle.)

 

Zusammenfassung: Die „personalisierte Medizin“ boomt und gilt als Hoffnungsanker der Pharmaindustie, weil seit ca. 1990 immer weniger klassische Medikamente zugelassen werden (über die Gründe wurde in einem früheren Beitrag in „PHARMA SELECTED“, siehe „Allgemeines“/ Generica…berichtet). Derzeit wird die „maßgeschneiderte Medizin“, insbesondere auch im onkologischen Bereich, noch überschätzt, was an der hohen Komplexizität der genetischen Veränderungen bei manchen Krebserkrankungen (z.B. beim Melanom) liegt, von denen man noch nicht weiß, welche Veränderungen letztlich ausschlaggebend für die zukünftige Entwicklung der Erkrankung sind. Auch Prof. Dr. Marcus Hengstschläger äußert sich vorsichtig: "Der Weg mit der personalisierten Medizin ist grundsätzlich richtig - es darf aber nicht zu viel versprochen werden". Hengstschläger betont, dass es noch sehr viel Grundlagenforschung und klinischer Versuche bedarf, um weitere Therapie-Erfolge zu erzielen.

 

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(1) MEDICA.de

http://www.medica.de/cipp/md_medica/custom/pub/content,oid,38711/lang,1/ticket,g_u_e_s_t/src,TdM_Artikel_02_07_12_1/~/Patienten_auf_Irrwegen.html

 

(2) Bei den Raf-Proteinen (rapidly accelerated fibrosarcoma) handelt es sich um eine Familie von Proteinkinasen, welche die Isoformen A-Raf, B-Raf und C-Raf (oder Raf-1) umfasst. BRAV bzw. B-RAF Das BRAF-Protein ist ein wichtiger Bestandteil des RAS-RAF-Signalweges, der am normalen Wachstum und Überleben von Zellen beteiligt ist. Mutierte Formen des BRAF-Proteins können bewirken, dass dieser Signalweg überaktiv wird, was zu unkontrolliertem Zellwachstum und Krebs führen kann. Solche Mutationen des BRAF-Proteins finden sich schätzungsweise bei etwa 60% aller Melanome.

 

Der BRAF Mutationstest ist ein diagnostischer Test, der es ermöglicht, Tumore mit der BRAF-Mutation zu identifizieren. Dies ermöglicht es Ärzten, schnell und mit hoher Sicherheit ein mögliches Ansprechen von Tumoren auf eine Behandlung mit BRAF-Inhibitoren wie z.B. Vemurafenib einzuschätzen. Somit können Patienten frühzeitig selektiert werden, bei denen eine Therapie erfolgversprechend ist (Zitat aus der Wikipedia-Enzyklopedie).

 

(3) PZ PHARMAZEUTISCHE ZEITUNG – online: Theo Dingemann: Der Wert von Biomarkern: http://www.pharmazeutische-zeitung.de/index.php?id=41924

 

 

(AR)

(3.1.2013)

 

Pharmaka sind Wirkstoffe für therapeutische oder diagnostische Zwecke, allerdings gilt der von Paracelsus (1493-1541) geprägte Satz:

 

„Alle Dinge sind Gift, und nichts ist ohne Gift; allein die Dosis machts, daß ein Ding kein Gift sei“.

 

Paracelsus machte sich bei seinen Vorlesungen in Basel oft unbeliebt weil er sie 1). auf deutsch hielt und 2). die vorherrschende Meinung der Humoralpathologie des Galen oft als Bücherweisheit medizinischer Gelehrter kritisierte.

 

 

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© Dr. Alfred Rhomberg