Was ist Gesundheit?

 

Baumverwachsung - (c) Alfred Rhomberg

Gesundheit ist eine Frage der Definition

 

 

 
Je mehr gute Ärzte es gibt und je größer das medizinische, biochemische und pharmakologische Wissen ist, desto kränker werden wir. Diese Aussage bedeutet keine Kampfansage an Ärzte oder die genannten Wissenschaften – sie soll die Verschiebung bzw. Relativierung unseres Gesundheitsbegriffes verdeutlichen.

 

Wer ist gesund?

 

Gesundheit wird durch die heute zur Verfügung stehenden diagnostischen Möglichkeiten von Blut- und Harnwertfaktoren und durch die modernen bildgebenden Verfahren der Medizintechnik bestimmt. Es wird uns gelingen – und das meine ich als Forschungschemiker der pharmazeutischen Industrie ernst – dass wir bald fast keine gesunden Menschen mehr unter uns finden werden. Jeder gesunde Mensch ist eine Herausforderung an die Wissenschaft, ihm das Gegenteil zu beweisen.

 

Was ist Gesundheit tatsächlich?

 

Es ist ein Zustand, der aufgrund der jeweilig verfügbaren messbaren Parameter ein Lebensalter verspricht, das dem statistischen Lebensalter nahe kommt – aber es ist auch das Gefühl, sich gesund zu fühlen. Wer sich so fühlt, sollte die „Parameter“ trotzdem nicht ganz beiseite schieben.

 

Da sich das statistische Lebensalter – trotz Umweltverschmutzung – zumindest in den Industrieländern – ständig erhöht, wird Gesundheit erst recht zu einem relativen Begriff und hängt weitgehend davon ab, ob wir das Messen der obengenannten Parameter und eine diesen Parametern angepasste Lebensweise, einschließlich der uns heute zur Verfügung stehenden therapeutischen Mittel akzeptieren. Die volle Nutzung dieser Möglichkeiten sollte daher das erstrebenswerteste Ziel jeder Gesundheitsreform sein. Auch wer sich nur auf „Bachblüten“ und homöopathische Mittel verlässt, kann (obwohl er sich gesund fühlt) sehr schnell zum Patienten werden, der ohne medizinische Therapie sein statistisches Lebensalter nicht erreichen wird.

 

Erweiterung des Begriffes „Gesundheit“ – psychische Gesundheit

 

Ein Baum, der durch zahlreiche Verwachsungen von dem Idealbild dieses Baumart abweicht, muss als gesund bezeichnet werden, wenn er das gleiche Lebensalter seiner Gattung erreicht. Er ist dann nicht gesund, wenn er durch Feuerbrand infiziert ist, der durch Antibiotica behandelbar wäre, wobei eine Kosten-Nutzenrechnung – und die Angst vor Antibiotica jedoch meist gebietet, den gesamten Baumbestand des Umfeldes zu vernichten (d.h. zu verbrennen) – eine Maßnahme, die beim Menschen aufgrund unserer ethisch-humanen Werte und das geltende Recht glücklicherweise nicht erlaubt ist.

 

Beim Menschen bedeutet der erste Satz dieses Abschnittes, dass nicht alle Abweichungen von der äußerlichen Norm (so wie bei einem verwachsenen Baum) als krankhafte Zustände bezeichnet werden dürfen, die durch Schönheitsoperationen behandelt werden müssen. Es ist ein Unterschied, ob ein Kind mit Gaumenspalte oder schielend auf die Welt kommt oder ob Frauen (wie Männer) sich zunehmend durch Schönheitsoperationen einem im Augenblick modisches Idealbild annähern wollen. Ein nicht dem Idealbild entsprechendes Äußeres kann psychisch belastend wirken, diese Belastung ist jedoch im Gegensatz zu einem Menschen der mit Gaumenspalte geboren wurde, durch „Einsicht“ – nennen wir es ruhig „psychische Hygiene“ behandelbar.

 

Zur psychischen Gesundheit gehört auch Denkhygiene und der Versuch, mit allzu modischen Dingen des täglichen Lebens vernünftig umzugehen. Es gibt krankhafte Spielsucht, Kauflust, Renommiersucht – die, wenn man diese Suchtformen nicht erkennt und nicht gegensteuert, zu psychischen Krankheiten werden können, welche den Gesamtbegriff „Gesundheit“ beeinträchtigen.

 

Behinderung – ein tragisches Schicksal

 

Es wäre einseitig, sich dem Thema „Gesundheit“ nicht auch in Hinblick auf angeborene oder später erlittene Behinderungen zu nähern. Ist ein geistig oder körperlich behinderter Mensch gesund, wenn er die übrigen physischen Gegebenheiten eines statistischen Lebens erfüllt? Nach unserer vom Christentum und dem Humanismus geprägten Wertevorstellung „ja“ – die Leistungen behinderter Sportler bei den paraolympischen Spielen beweisen dies. Aber auch Behinderte die diese Höchstleistungen nicht erbringen sind menschliche Individuen und haben das Recht als solche behandelt zu werden. Jeder reiche Staat (und dazu gehören Österreich, Deutschland und die Schweiz – trotz Wirtschaftskrisen) müsste einen Platz in seiner Gesellschaft für Behinderte haben, sei es im Arbeitsleben oder im schlimmsten Fall in einem Pflegeheim – mit dem Bewusstsein der Bevölkerung, dass es sich dabei nicht um eine soziale „Handlung“ (Aktenvermerk: Sozialfall Nr. 2375), sondern um eine von der Gesellschaft gewünschte Menschlichkeit handelt.

 

Wie gesund sind Koma-Patienten?

 

Ist ein seit vielen Jahren im Koma liegender Patient - wie dies in der Gegenwart insbesondere nach Sportunfällen immer wieder heftig diskutiert wird, gesund? Die Antwort könnte mit „nein“ beantwortet werden, weil wichtige Lebensfunktionen fehlen. Eine solche Frage darf nach unserem Ethikverständnis zwar diskutiert werden, ist aber nach eben diesem Ethikverständnis nicht eindeutig beantwortbar. Jede gesetzliche Antwort (sofern sie nicht Barmherzigkeit einschließt) wäre ein Schritt in Richtung Euthanasie und damit nicht zulässig. Die Frage wird dann etwas leichter beantwortbar, wenn man einen im Koma liegenden Menschen, der nur künstlich ernährt werden kann, mit einem Dialysepatienten vergleicht, der gleichfalls nur überleben kann, wenn die harnpflichtigen Abbaustoffe wegen des Ausfalls seiner Nierenfunktion aller drei Tage künstlich durch Anschluss an die künstliche Niere entgiften werden müssen und der sich ansonsten gesund fühlt. Wer weiß, was im Hirn eines Komapatienten wirklich vorgeht und ob er eine Art Bewusstsein oder Gefühle hat, denn offenbar funktionieren wesentliche Hirnfunktionen ja noch, ohne deren Funktionalität der Tod längst eingetreten wäre. Diese Frage kann nur nach Wissen und Gewissen beantwortet werden – eine im Einzelfall sehr schwierige Entscheidung, die weder aus rein medizinischen, juridischen noch theologischen Aspekten beantwortet werden sollte.

 

Ist die künstliche Lebensverlängerung bei einer nach menschlichem Wissen unheilbaren Krankheit im Finalstadium immer im Sinne des Sterbenden?

 

Auch diese Frage kann nicht per definitionem gesetzlich regelt werden (selbst wenn es diesbezüglich bereits unterschiedliche Regelungen innerhalb einiger europäischer Länder gibt). Menschliches Leben ist sehr vielfältig und nur ein kleiner Teil dieser Vielfalt kann (oder muss) gesetzlich geregelt werden – und immer nur dann, wenn die Grundrechte des Einzelnen nicht berührt werden.

 

(AR)

 
(22.2.2009)

 

Pharmaka sind Wirkstoffe für therapeutische oder diagnostische Zwecke, allerdings gilt der von Paracelsus (1493-1541) geprägte Satz:

 

„Alle Dinge sind Gift, und nichts ist ohne Gift; allein die Dosis machts, daß ein Ding kein Gift sei“.

 

Paracelsus machte sich bei seinen Vorlesungen in Basel oft unbeliebt weil er sie 1). auf deutsch hielt und 2). die vorherrschende Meinung der Humoralpathologie des Galen oft als Bücherweisheit medizinischer Gelehrter kritisierte.

 

 

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