Johanniskrautextrakte gegen Alzheimer

 


Hypericum perforatum - Wikipedia, Public Domain

 

Kurz vor Weihnachten 2013 fand man in fast allen großen Tageszeitungen mehr oder weniger ausführliche Artikel zur Frage, ob spezielle Johanniskrautextrakte gegen Alzheimer helfen können. Alle diese Beiträge führten letztlich auf eine Pressemitteilung der Universität Magdeburg v. 9.12.2013 zurück. Unabhängig davon, dass die Forschungsergebnisse von Professor Jens Pahnke et al. (vom Klinikum der Neurologie der Universität Magdeburg, Dir. Prof. H.-J. Heinze) durchaus interessant sind, ist es für einen Autor der klassischen Pharmaforschung stets ungewöhnlich, den Weg für seine Recherchen über Pressemitteilungen zu finden  – die Basispublikation im Journal: Current Alzheimer Research 2013, Vol 10, Issue 10 (Dec) hätte genügt, um die Fachwelt auf diese interessanten Forschungsergebnisse aufmerksam zu machen (siehe Anmerkung am Schluss des Beitrages).

 

Wesentliche Kernaussagen der Forschungen von Prof. Pahnke et al. sind, dass  unterschiedliche Johanniskrautextrakte, in höheren Konzentrationen in Mausmodellen eine Wirkung zur Reduktion der für Alzheimer typischen ß-Amyloid-Plaques aufweisen. Interessant dabei ist, dass für diese Reduktion nicht jene Extrakte besonders geeignet sind, welchen die bekannte antidepressive und sedierende Wirkung von Johanniskraut zugeschrieben wird und höhere Konzentrationen an Hyperforin- und Hypericinstoffen enthalten.

 

Zitat aus der oben genannten Pressemitteilung: „In der aktuellen wissenschaftlichen Arbeit können sie zeigen, dass im Gegensatz zu den häufig in der Depressionsbehandlung eingesetzten 60%-igen Extrakten, die 80%-igen Extrakte sowohl die löslichen als auch die unlöslichen Aggregate des giftigen Alzheimerproteins beta-Amyloid signifikant reduzieren (bis zu -50%). Diese Reduktion führte darüber hinaus zu einer Verbesserung der Gedächtnis– und Orientierungsfunktionen. Grundlage dieser Verbesserung war nicht nur die Reduktion der giftigen Ablagerungen, sondern darüber hinaus die Wiederherstellung der Anzahl der Nervenzellen auf dem Niveau von Gesunden“

 

Interessante Ergebnisse der Arbeiten von Prof. Pahnke et al. sind weiter:

 

1)     die Beobachtung der Aktivierung und Entfernung schädlicher Proteine mittels des Transportproteins ABCC1

 

2)     die Aktivierung der Fresszellen des Gehirnes wird erhöht, was nicht nur die Anzahl der für Alzheimer typischen Amyloid-Plaques verringert, sondern auch deren toxische Abbauprodukte beseitigt. Zitat: „Welche Stoffe spezifisch die Funktion der Hirntransporter aktivieren, wird derzeit in einem Kooperationsprojekt mit den Leibniz-Institut für Pflanzenbiochemie in Halle und dem Leibniz-Institut für Pflanzengenetik und Kulturpflanzenforschung in Gatersleben untersucht“.

Bemerkungen des Autors dieses Beitrags:

 

Das „echte“ Johanniskraut aus der Familie der Hypericaceae wird seit der Antike als Heilmittel verwendet. In den 70-ger Jahren wurde es oft als Alternative zu   stimmungsaufhellenden Diazepampräparaten oder den ersten Neuroleptica gegen Depressionen eingesetzt. Die antidepressive Wirkung ist auch heute noch umstritten, weil sie durch Studien zu wenig belegt ist. Als Hauptwirkstoff des Johanniskrauts gilt Hyperforin. Standardisierte Johanniskrautextrakte erhöhen eine Wiederaufnahmehemmung der Neurotransmitter Serotonin und Noradrenalin und deren Konzentration an den Synapsen. Auch die Konzentration von GABA (Gamma-Aminobuttersäure, Dopamin und L-Glutamat steigt, was bei anderen Antidepressiva in dieser Form nicht zu beobachten ist.

 

Als Vorbeugungsmittel gegen Alzheimer sind Johanniskrautpräparate sicher nicht geeignet, in einem späteren Stadium können bestimmte standardisierte und durch klinische Studien geprüfte Johanneskrautextrakte möglicherweise die Krankheit herauszögern, wobei auch das Herauszögern um wenige Jahre bereits ein großer Erfolg wäre. Aus der Pressemitteilung geht nicht hervor, ob die späteren Versuche bereits am Menschen durchgeführt wurden. Dies scheint insofern unwahrscheinlich, als der notwändige Beobachtungszeitraum dafür zu kurz wäre.

 

Ein lesenswerter etwas älterer Beitrag in spiegel-online/Wissenschaft aus dem Jahr 2012 zeigt, dass sich auch andere Studiengruppen mit der „Abfallentsorgung im Gehirn“ beschäftigen(3).

 

Anm.: Pressemitteilungen (nicht nur auf dem Gebiet der Medizin oder Pharmaforschung) sind oft dazu angetan, verfrühte Hoffnungen zu wecken, manchmal führen sie auch aufs Glatteis, wie z.B. die völlig unnotwändige voreilige Mitteilung des CERN vor 1 ½ Jahren, dass es Beweise gäbe, dass Neutrinos schneller als die Lichtgeschwindigkeit sein könnten, wodurch die Einstein’sche Relativitätstheorie ihre Gültigkeit verloren hätte. Es handelte sich damals um einen Messfehler, der wenig später korrigiert werden musste.

 

Im Falle der Forschungen von Prof. Pahnke et al. handelt es sich um seriöse Forschungsergebnisse, die bei einem so sensiblen Thema wie der Alzheimerkrankheit jedoch derzeit noch verfrühte Hoffnungen wecken können. Da sie offenbar zunächst nur am Mausmodell durchgeführt wurden und weitere intensive Forschungen erforderlich sind, sollten Teilergebnisse den Fachjournalen vorbehalten sein. Es ist zwar verständlich, dass  Forschungsergebnisse von Universitäten wegen der Finanzierung von Projekten heute auch in Pressemitteilungen publiziert werden, leider lösen solche Publikationen eine Unzahl redundanter Zeitungsbeiträge aus, was für die ernste wissenschaftliche Forschung eher abträglich ist. Fachleute an Universitäten und der Pharmaindustrie lesen die einschlägigen Fachjournale sowieso.

 

Es ist auch verständlich, dass bei Alzheimerpatienten jeder Hoffnungsanker willkommen ist, zumal es noch kein wirksames Heilmittel gibt. Die wesentliche Frage ist jedoch, ab wann welches Präparat eingesetzt werden soll. Die oft verschriebenen Gingko-Präparate als Hirndurchblutungsmittel dürften z.B. nach bisherigem Wissen kaum eine Verbesserung der kognitiven Fähigkeiten bei Alzheimerpatienten bewirken.

 

Forschung ist immer mit Hoffnung verbunden, auch die zahllosen wissenschaftlichen Publikationen in den herkömmlichen Fachmagazinen, wer lange in der Pharmaforschung gearbeitet hat, weiß wie schnell Hoffnungen selbst nach erfolgreicher Patentierung verfliegen.

 

(AR)

 

(14.1.2014)

 

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(1)  Pressemitteilung der Universität Magdeburg: https://idw-online.de/de/news565434

 

(2) Publikation: http://www.eurekaselect.com/116826/article


Autoren: Hofrichter J, Krohn M, Schumacher T, Lange C, Feistel B, Walbroel B, Heinze HJ, Crockett S, Sharbel T, Pahnke J. 

Titel: Reduced Alzheimer's Disease Pathology by St. John's Wort Treatment is Independent of Hyperforin and Facilitated by ABCC1 and Microglia Activation in Mice.

Journal: Current Alzheimer Research 2013, Vol 10, Issue 10 (Dec)

(3) 
http://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/alzheimer-gehirn-verfuegt-ueber-entwaesserungssystem-a-850272.html


Pharmaka sind Wirkstoffe für therapeutische oder diagnostische Zwecke, allerdings gilt der von Paracelsus (1493-1541) geprägte Satz:

 

„Alle Dinge sind Gift, und nichts ist ohne Gift; allein die Dosis machts, daß ein Ding kein Gift sei“.

 

Paracelsus machte sich bei seinen Vorlesungen in Basel oft unbeliebt weil er sie 1). auf deutsch hielt und 2). die vorherrschende Meinung der Humoralpathologie des Galen oft als Bücherweisheit medizinischer Gelehrter kritisierte.

 

 

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© Dr. Alfred Rhomberg