Aktive und passive Impfungen

 

 

 

 

 

Aktive und passive Impfungen und Besonderheiten einiger Infektionskrankheiten

 

Der nachfolgende Beitrag ist bewusst allgemein gehalten, weil dem Herausgeber des Magazins bekannt ist, dass wesentliche Grundlagen in breiten Bevölkerungskreisen nicht so geläufig sind, wie dies wünschenswert wäre.

 

Grundsätzlich wird zwischen aktiven Schutzimpfungen und passiven Impfungen unterschieden. Die aktive Impfung dient zum Schutz vor Infektionskrankheiten vor einer Infektion, die passive Impfung wird im Fall einer bereits aufgetretenen Infektion angewendet.

 

Zur Geschichte der Impfung

 

Die Impfung ist keine Errungenschaft des 19. bzw. 20. Jahrhunderts, über einen ersten Großversuch gegen das Variola-Virus (Pocken) wird bereits 1714 in Konstantinopel/Istanbul berichtet(1). Vergleichbare Versuche dürfte es jedoch bereits in der Antike und bei Naturvölkern gegeben haben, ohne dass dies zu einer breiteren Anwendung geführt hatte. Die erste Anwendung der Impfung wurde 1796 eingeführt.

 

Die "aktive" Impfung 

 

Die aktive Impfung beruht auf einer erregerspezifischen aktiven Immunisierug und wird zwei Methoden bewirkt.

 

  1. Durch Impfung mit „abgetöteten“ Bakterien- oder Virenbestandteilen bewirkt (Todimpfstoffe), die nicht mehr infektiös sind, das Immunsystem, bzw. Teile des Immunsystems (T-Helferzellen, Phagozyten etc. ) jedoch so trainieren, dass diese im Falle einer Infektion sofort erkennen und aktiv werden und eindringende Bakterien oder Viren abtöten, bevor sie sich so vermehren können, dass eine Erkrankung eintritt. Wirksamer sind sogenannte Lebendimpfstoffe, bei denen die Bakterien nicht abgetötet, jedoch so abgeschwächt (attenuiert) werden, dass sie eine Immunantwort hervorrufen, die Wahrscheinlichkeit einer Infektion jedoch äußerst gering ist.

 

  1. Lebendimpfstoffe: dabei handelt es sich meist um temperatursensitive Stämme, die sich entweder nur bei 25°C oder zwischen 38-39°C vermehren können.

 

Die Impfung mit Lebendimpfstoffen ist im allgemeinen wirksamer als mit Totimpfstoffen und kann u.U. eine Desensibilisierung auf Lebenszeit bewirken, ist jedoch auch geringfügig gefährlicher, weil die Erkrankung in seltenen Fällen durch mutierte Stämme erneut auftreten kann. In der Schwangerschaft sind Lebendimpfstoffe nicht empfehlenswert.

 

 

Die "passive Impfung"

 

Passive Impfungen sind dann angezeigt, wenn eine Person durch Kontakt mit infizierten Personen hochgefährdet ist oder bereits selbst erkrankt ist. In diesem Fall wird ein Serum injiziert, das Antikörper gegen einen bestimmten Krankheitserreger enthält, d.h. die Antikörper werden nicht durch das eigenen Immunsystem hergestellt. Häufig werden neuerdings hierzu gentechnologisch hergestellte monoklonale Antikörper eingesetzt, früher, wurden Extrakte aus dem Blut von Menschen, welche die Infektion bereits überstanden haben verwendet.

 

Diese Art von Impfung gilt oft als „letzte Rettung“ ist aber bei Erkrankungen wie z.B. Diphterie oder Cholera nahezu wirkungslos. Beide Erkrankungen sprechen zwar auf Antibiotica gut an, im Falle der Diphterie beruht die hohe Sterblichkeit jedoch auf einem von den Diphteriebakterien ausgeschiedenen hochgiftigem oft tödlichem Toxin (Giftstoff), bei der Cholera ist es der schnelle und starke Wasserverlust, der zum Tod führt, bevor wirksame Antibiotica (Ciprofloxacin oder Azithromycin) wirken, daher wirkt die schnelle intravenöse Gabe von Flüssigkeit mit Salzen und Glucose im Ernstfall lebensrettend und somit besser als eine schnelle antibiotische Behandlung. Statt eines veralteten, wenig wirksamen Impfstoffes gibt es inzwischen einen oralen prophylaktischen Impfstoff, der zugleich auch einen gewissen Schutz gegen Diarrhöen durch enterotoxische E. Coli (ETEC) bietet.

 

Impfungen im Kleinkindalter

 

Die Bedeutung der heute üblichen Mehrfachimpfungen von Kleinkindern ist eindeutig erwiesen, viele Kinderkrankheiten haben dadurch ihren Schrecken verloren. Ein Impfschema der 6-fach Impfung kann unter (2) abgerufen werden. Das Impfschema gilt zwar nicht nur für Österreich, die Übernahme der Kosten ist in diesem Impfschema jedoch für Österreich gültig Wichtig ist zu wissen, das gegen Virusinfektionen (z.B. Pocken, Masern oder Mumps) übliche Antibiotica sowieso nicht helfen. Das gleiche gilt für Polioviren (Kinderlähmung) und andere Virenerkrankungen wie Röteln oder Meningitis. Die MMR-Impfung (Masern, Mumps, Röteln) ist im deutschsprachigen Raum heute bei Kleinkindern an Ende des ersten Lebensjahres fast selbstverständlich. Mädchen, die im Kindesalter nicht gegen Röteln geimpft wurden, sollten sich später im jugendlichen Erwachsenenalter unbedingt gegen Röteln impfen lassen, weil eine Infektion innerhalb einer Schwangerschaft schwere Schädigungen des Kindes zur Folge haben kann.

 

Die in den 60iger Jahren sehr häufige Kinderlähmung ist durch verschiedene Impfformen in Europa oder in den USA äußerst selten geworden – ausgerottet ist die Erkrankung nicht.

 

Tuberkulose

 

Die Tuberkulose wird durch verschiedene Arten von Mykobakterien ausgelöst (Mykobakterien haben einen hohen Lipidgehalt der Zellwand und waren aus diesem Grunde lange Zeit durch Antibiotica schwer behandelbar). Eine andere Eigenschaft der Tuberkulose ist, dass die Infektion nicht auf bestimmte Organe beschränkt ist, sondern nahezu alle Körperteile befallen kann. Die Krankheit galt früher als für typische Erkrankung armer Bevölkerungsschichten (Unterernährung) – sie war jedoch auch in Schichten des wohlhabenden Bürgertums weit verbreitet. Heute ist sie zwar häufiger in Ländern der dritten Welt anzutreffen, Tuberkulose ist jedoch auch in den Industrienationen wieder auf dem Vormarsch (Ausländerimmigration aber auch unsere Urlaubsgewohnheiten dürften als Ursache dafür gelten). Etwa ein Drittel der Weltbevölkerung gilt als mit Tuberkuloseerregern infiziert, die Infektionswege sind vielfältig, am häufigsten sind Tröpfcheninfektionen durch die Atemluft, aber auch Wundinfektionen (z.B. bei Tätowierungen) und sexuelle Übertragungen sind häufig.

 

Eine seit langem bestehende Impfmöglichkeit mit einem abgeschwächten Mykobakterienstamm (BCG-Impfung) wird seit 1998 nicht mehr von der WHO empfohlen, da sie insbesondere in Ländern der dritten Welt fast wirkungslos ist. Ein neuer Impfstoff (VPM-1012) wurde in einer Phase I Studie erfolgreich getestet, mit einer Zulassung ist jedoch nicht vor 2017 zu rechnen.

 

Die Behandlung mit Antibiotica bzw. Tuberkulostatica ist wegen der langsamen Teilungsrate der Tuberkulosebakterien und der starken Resistenzbildung schwierig, sie muss immer über längere Zeiträume mit kombinierten Antibiotica erfolgen und ständig kontrolliert werden. Eine chemotherapeutische Ansteckungsprophylaxe (z.B. mit Isonyazid) ist besonders im Kleinkindalter unter bestimmten Umständen zu erwägen, weil Kleinkinder am leichtesten angesteckt werden. Die Erkennung einer überstandenen Tuberkulose ist durch eine langandauernde Antiköperbildung mit dem Tuberkulintest möglich, bei Kleinkindern ist unter Umständen (z.B. bei Aufenthalten in Ländern mit starker Tuberkuloseverbreitung) eine Chemoprophylaxe auch bei negativem Tubekulintest empfehlenswert – die Entscheidung hierüber ist unbedingt der Ärztin/dem Arzt zu überlassen, der auch weitere Maßnahmen (z.B. eine Computertomographie des Brustraums bei positivem Tuberkulintest unter Isonyazidbehandlung) veranlassen wird.

 

Grippeimpfungen

 

Jedes Jahr, wenn die Grippezeit naht, wird über den Sinn von Grippeimpfungen diskutiert, weil das Grippevirus sehr schnell mutiert und es bei einer einmaligen Impfung durchaus zu einem erneuten Grippeausbruch im nächsten Jahr durch ein inzwischen verändertes Virus kommen kann. Die Wahrscheinlichkeit solcher Infektionen nimmt bei jährlichen Impfungen deutlich ab, weil eine gewisse Verwandtschaft vieler Virusmutanten zumindest einen Teilschutz in Form abgeschwächter Verlaufsformen garantiert und auch meist neue Impfstoffe verwendet werden. Die Gefährlichkeit des Influenza A1-Virus (AH1N1) (Schweinegrippe) 2009/2010 wurde maßlos überschätzt – allerdings weiß man dies oft hinterher. Es wurde befürchtet, dass eventuell eine 1918/1919 vergleichbare Grippe-Pandemie ausbrechen könnte (die gleichfalls ein H1N1-Typ war). Die meisten der damals Millionen Todesopfer starben allerdings nicht an der Grippe, sondern der nachfolgenden Lungenentzündung, gegen die es damals noch keinerlei Antibiotica gab. 2009 hatte man außer zwei guten vorbeugenden Impfstoffen mit dem Neuroaminidase Hemmer Tamiflu (Oseltamivir) auch ein Mittel zur Verfügung, das nach Ausbruch der Erkrankung wirkte.

 

Anm.: Tamiflu ist ein Virostaticum, d.h. es hindert die Vermehrung der Viren im Körper, kann sie jedoch nicht eliminieren oder inaktivieren.

 

Jedes Jahr tritt bei der Bevölkerung immer wieder auch die Frage nach dem Unterschied zwischen einem „grippalen Infekt“ und einer echten Influenza (Grippe) auf. Ein grippaler Infekt ist meist nicht virusbedingt und daher keine echte Grippe, eine Unterscheidung, die wegen der ähnlichen Anfangsymptome oft schwer fällt, allerdings wissen Ärzte meist, ob echte Grippen gerade gehäuft auftreten. Meist handelt es sich um bakterielle „Bronchitiden“ (bakterielle Infektionen der Bronchien und der Luftröhre) die je nach Schwere der Erkrankung und dem Alter der PatientInnen mit Antibiotica behandelt werden sollten, obwohl dies oft vielleicht nicht notwendig wäre. Da jedoch stets auch die Gefahr einer Lungenentzündung besteht, werden vom Arzt meist Antibiotica verschrieben. Bei einer echten Viren-Influenza helfen normale Antibiotica nicht, dass diese trotzdem meist verordnet werden, liegt gleichfalls an der Gefahr von durch die Virusinfektion begünstigten bakteriellen Sekundärinfektionen, insbesondere Lungenentzündungen.

 

Dass frau/man sich gegen Bronchitiden vielfach auch prophylaktisch, also vor Ausbruch solcher Erkrankungen schützen kann, wird in einem anderen kleinen Beitrag behandelt.

 

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(1)  Zur „Konstantinopelimpfung“ siehe http://www.istanbulpark.de/news.php?extend.72.1

 

(2) 6-fach Impfung für Kinder im Vorschulalter:   http://www.gesunde-kinder.at/kinder-impfen/impfen/impfpl_0-6.php?navid=50

 

(AR)

(7.1.2013)

 

 

Pharmaka sind Wirkstoffe für therapeutische oder diagnostische Zwecke, allerdings gilt der von Paracelsus (1493-1541) geprägte Satz:

 

„Alle Dinge sind Gift, und nichts ist ohne Gift; allein die Dosis machts, daß ein Ding kein Gift sei“.

 

Paracelsus machte sich bei seinen Vorlesungen in Basel oft unbeliebt weil er sie 1). auf deutsch hielt und 2). die vorherrschende Meinung der Humoralpathologie des Galen oft als Bücherweisheit medizinischer Gelehrter kritisierte.

 

 

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© Dr. Alfred Rhomberg