Alzheimerforschung zu teuer !
 

 

Obwohl die Zahl der Erkrankungen an Alzheimer-Demenz wegen der steigenden Lebenserwartung in Industriestaaten während der letzten Jahrzehnte stark zugenommen hat, zeichnen sich trotz intensiver Forschung keinerlei Ergebnisse zur Heilung dieser tückischen Erkrankung ab bzw. diese zu verhindern. Eben jetzt stellt einer der renommiertesten Pharmakonzerne der USA (Pfizer), alle Forschungen auf diesem Gebiet ein (1) – warum?

 

Pharmaforschung ist nur dann erfolgreich, wenn es pharmakologisch sinnvolle Hinweise gibt, wie Krankheiten entstehen oder durch welche Veränderungen im Organismus sie ausgelöst werden. Die letztere Frage ist zwar meist beantwortbar (sogar bei Krebs), bei anderen Erkrankungen wie z.B. bei Morbus Alzheimer, wissen wir noch sehr wenig, außer dass bei Alzheimer zwei Beta-Amyloidpeptide (Aß40 und Aß42), die sich beim normalen Stoffwechsel nicht im Gehirn anreichern, in manchen Fällen doch dort ablagern - wie diese entstehen und warum sie sich bei manchen Menschen im Gehirn anlagern, ist völlig unbekannt.

 

Anm.: In diesem Beitrag wird „Demenz“ als Oberbegriff für verschiedene degenerative und nicht degenerative Erkrankungen betrachtet, die insgesamt stark zunehmen und zu denen auch Alzheimer gehört. Bei einigen Demenzerkrankungen sind die Ursachen bekannt, einige davon sind sogar heilbar oder die Symptome lassen sich therapeutisch herauszögern.

 

Alzheimer-Demenz gehört zu den sogenannten primären Demenzen, im Gegensatz zu sekundären Demenzen, die durch ungesunde Lebensweise (z.B. Medikamentenmissbrauch oder Alkoholabusus) entstehen können.

 

Zur Häufigkeit von Demenzen und Alzheimer Demenz: In erster Linie sind ältere Menschen betroffen. Schätzungen belaufen sich bei 65-Jährigen auf ca. zwei Prozent, bei 75-Jährigen sechs Prozent und bei 85-Jährigen ca. 20 Prozent. Bei Kindern und Jugendlichen ist Morbus Alzheimer selten, hier handelt es sich meist um erbliche Stoffwechselerkrankungen. Nach Auswertung von Computermodellen der Vereinten Nationen könnte sich die Zahl der Alzheimererkrankungen weltweit bis 2050 auf etwa 106 Millionen Patienten erhören – so gesehen wäre die Alzheimerforschung weiterhin ein lohnendes Geschäftsfeld für Pharmakonzerne. 

 

Die klassische Arzneimittelforschung zur Entfernung der Beta-Amyloide hat bisher keine Ergebnisse gebracht, leider auch nicht die modernen Forschungen der Molekularbiologie (siehe nächster Abschnitt). Es wurde und wird selbstverständlich intensiv an den verschiedensten monoklonalen Antikörpern geforscht, bei denen die besten Erfolge bisher in der Krebstherapie erreicht werden konnten.

 

Verschiedene Ansätze und Versuche

 

IMPFUNG: eine wirksame Impfung gegen Alzheimer, sei es als Vorbeugung oder das Fortschreiten der Krankheitssymptome zu verhindern, wäre ein enormer Fortschritt für unsere alternde Gesellschaft – leider sind erfolgreiche Versuche, Impfstoffe zu entwickeln bisher gescheitert, obwohl weltweit daran geforscht wird. So hatte sich z.B. der Hoffnungsträger einer Beta-Amyloid-Immuntherapie mittels monoklonaler Antikörper (Bapineuzumab) in klinischen Phase-III Studien von Johnson & Johnson und Pfizer auch in einer wiederholten Phase-III Studie nicht bewährt. Der monoklonale Antikörper sollte bereits vorhandene Beta-Amyloide aus dem Gehirn entfernen, die Forschungen wurden von den genannten Firmen bereits 2012 eingestellt(2).

 

Antioxidantien, grüner und schwarzer Tee: 

Dazu ein Zitat aus der Wikipedia-Enzyklopädie: In vitro-Untersuchungen zeigten, dass das Antioxidans Epigallocatechingallat (EGCG) des grünen Tees die Bildung von Plaques verhindern kann. Andere Studien weisen darauf hin, dass EGCG die Plaques auch auflösen kann. In Tierversuchen mit Mäusen konnte gezeigt werden, dass nach sechsmonatiger EGCG-Behandlung die Plaque-Belastung im Kortex, Hippocampus und im entorhinalen Kortex um jeweils 54 %, 43 % und 58 % reduziert wurde.  Eine weitere Studie, die die Auswirkung von EGCG auf die Alzheimer-Krankheit untersucht, wird an der Charité in Berlin durchgeführt. Untersuchungen aus dem Jahr 2011 konnten zeigen, dass Theaflavinbestandteile des Schwarzen Tees ebenfalls die Entstehung von Plaques verhindern und bestehende Plaques auflösen können. (Ende des Zitats, Zugriff am 26.2.2018).

 

Man könnte sich nun fragen, ob auch in China, einem Land in welchem traditionell fast täglich grüner Tee getrunken wird, die Erkrankungen an Alzheimer-Demenz niedriger sind als in der westlichen Welt.  Dies ist offenbar nicht der Fall, zumindest steigt nach einem Übersichtsartikel auch in China die Zahl der Erkrankungen(3).

 

Man könnte sich nun fragen, ob auch in China, einem Land in welchem traditionell fast täglich grüner Tee getrunken wird, die Erkrankungen an Alzheimer-Demenz niedriger sind als in der westlichen Welt.  Dies ist offenbar nicht der Fall, zumindest steigt nach einem Übersichtsartikel auch in China die Zahl der Erkrankungen(3).

 

Ibuprofen und andere nichtsteroidale Entzündungshemmer: Iboprofen, ein nichtsteroidaler Stoff wurde bereits wischen 1950 und 1960 entwickelt und als Antirheumatikum eingesetzt. Der Stoff gehört als Reinsubstanz oder in Kombinationspräparaten heute zu einem der meist eingesetzten Mitteln bei Rheumatikern, ebenso  andere entzündungshemmende NSAR-Substanzen (NSAR bzw. im englischen Sprachraum, NSAID, anti-inflammatory drug). Seit 1995 bei Rheumatikern entdeckt wurde, dass diese ein signifikant niedrigeres Risiko haben, an Morbus Alzheimer zu erkranken, wurde Ibuprofen auch an Nichtrheumatikern getestet. Es konnte in einigen transgenen Tiermodellen auch tatsächlich eine Reduktion von Beta-Amyloid-Plaques festgestellt werden, beim Menschen liegen jedoch bisher keine Daten aus randomisierten Doppelblindstudien vor. Leider ist die zu einer möglichen Prävention von Morbus Alzheimer erforderliche Dosis wesentlich höher als zur normalen Schmerzbehandlung. Außerdem besteht der Verdacht, das hohe Dosen über einen längeren Zeitraum kardiovaskuläre Probleme hervorrufen können, trotzdem laufen zurzeit einige klinische Studien mit Ibuprofen und dessen Derivaten.

 

Anm. zur Wirkweise von Ginkgo Biloba Wirkstoffen: die Wirkung der Stoffe beruht auf der Hemmung des PAF-Botenstoffs (Plättchenaktivierender Faktor), weil dieser entzündungsfördernd und an einer Immunreaktion beteiligt ist. Eine übertriebene Freisetzung der PAF-Aktivität führt jedoch zum Absterben von Neuronen, z.B. bei Schlaganfällen durch die übertriebene Freisetzung des erregenden neuralen Botenstoffs Glutamat, der dann wiederum neurotoxisch wirkt. Dieser Reaktion wirken Substanzen aus den Blättern des Ginkgo Biloba Baums entgegen(4).

 

Resumée

 

Nach Durchsicht der einschlägigen Literatur ist derzeit kein Ansatz für einen Durchbruch zur Behandlung von Morbus Alzheimer bekannt. Trotzdem sollte die Hoffnung nicht aufgegeben werden, potenzielle Chancen sind am ehesten auf molekularbiologischer Ebene zu erwarten. Leider sind Forschungsabteilungen an medizinischen Universitäten ohne die Erfahrung großer Pharmakonzerne kaum in der Lage, ihre Forschungsergebnisse (selbst bei staatlichen Hilfen) praktisch umzusetzen. Darüber hinaus sollten sich europäische Universitäten hüten, interessante Ergebnisse vorzeitig zu publizieren, weil dadurch das Interesse der Pharmaindustrie aus patentrechtlichen Gründen kleiner ist. Renommierte US-Universitäten haben u.a. Rechtsabteilungen, die einer Publikation erst dann zustimmen, wenn auch sinnvolle Verträge zur Zusammenarbeit mit der Industrie abgeschlossen werden, um Forschungsergebnisse gegebenenfalls später optimal vermarkten zu können.

 

Dauerte schon die Entwicklung klassischer Arzneimittel von der Erfindung bis zur Zulassung oft mehr als ein Jahrzehnt, so ist zur Entwicklung monoklonaler Antikörper bzw. Arzneistoffen der Immuntherapie oft mit wesentlich längeren Zeiträumen bis zur Zulassung zu rechnen. Aus diesem Grunde ist die Entscheidung großer Firmen, ihre Forschung mit Alzheimerpräparaten wegen der enormen damit verbundenen Kosten durchaus verständlich. Es ist jedoch nie auszuschließen, dass der Kollege „Zufall“ uns auch früher zu einem wirksamen Mittel gegen die Alzheimer-Demenz führt.  In der Geschichte der Arzneimittelchemie hat der Zufall oft ganz erstaunliche Erfolge gezeitigt – nicht zuletzt war die Entdeckung des Penicillins ein herausragendes Beispiel für die Kombination von Zufall und der Beobachtungsgabe des Mediziners und Bakteriologen Sir Alexander Flemings (1928, Nobelpreis 1944).

 

Quellen:

(1)  https://www.n-tv.de/wissen/Pharmariese-stellt-Alzheimer-Forschung-ein-article20253056.html

(2) Alzheimer: Zweite Studie zur Antikörpertherapie abgebrochen. In: aerzteblatt.de. 7. August 2012, abgerufen am 27. Dezember 2014.

(3)  https://www.medscape.com/viewarticle/572114

(4) https://www.inutro.com/ginkgo-biloba

 

(AR)

(27.2.2018)

 

 

 

Pharmaka sind Wirkstoffe für therapeutische oder diagnostische Zwecke, allerdings gilt der von Paracelsus (1493-1541) geprägte Satz:

 

„Alle Dinge sind Gift, und nichts ist ohne Gift; allein die Dosis machts, daß ein Ding kein Gift sei“.

 

Paracelsus machte sich bei seinen Vorlesungen in Basel oft unbeliebt weil er sie 1). auf deutsch hielt und 2). die vorherrschende Meinung der Humoralpathologie des Galen oft als Bücherweisheit medizinischer Gelehrter kritisierte.

 

 

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© Dr. Alfred Rhomberg