ZNS-aktive Substanzen gegen Demenzkrankheiten, insbesondere Morbus Alzheimer – Galantamin und andere Therapieversuche

 


Galantamin Strukturformel
® Produktionsanlage der SANOCHEMIA Pharmazeutika AG, Neufeld an der Leitha, Österreich

 

Demenzerkrankungen gehören mit weltweit ca. 24 Mio. Erkrankungen zu den häufigsten neurodegenerativen Erkranken des Menschen ab dem 60. Lebensjahr, ca. 60 Prozent davon sind Morbus Alzheimer Patienten(1). Die Zahl der Neuerkrankungen, an denen das ZNS beteiligt ist, nimmt aufgrund der höheren Lebenserwartung des Menschen überproportional zu. Viele Altersdemenzen sind allerdings vaskulär bedingt und müssen dementsprechend anders als ZNS-bedingte Erkrankungen oder der typische "Morbus Alzheimer" behandelt werden.

 

Bei Morbus Alzheimer sind allein in Westeuropa von derzeit 7 Mio vermuteten Erkrankungen nur 2,5 Mio diagnostiziert und nur 0,25 Mio Patienten werden adäquat therapiert. Ab dem 60. Lebensjahr verdoppelt sich das Risiko, an dieser Demenzform zu erkranken, weil sich die Zahl der über 65jährigen in den nächsten 25 Jahren verdoppeln wird. Die Weltgesundheitsorganisation geht derzeit weltweit sogar von ca. 1,5 Mrd. Personen aus, die an verschiedenen neuropsychatrischen Beschwerden leiden, ein Großteil solcher Beschwerden kann durch ZNS-aktive Substanzen zwar nicht geheilt, aber wesentlich gebessert werden. Die Therapie von Demenzerkrankungen umfasst die pharmakologische Behandlung und psychosoziale Interventionen für Betroffene und Angehörige im Rahmen eines Gesamtbehandlungsplans und muss auf die progrediente Veränderung des Schweregrads der Erkrankung abgestimmt sein.

 

Der Wirkstoff Galantamin hat unter diesen ZNS-aktiven Substanzen nach wie vor einen festen Platz bei der Behandlung solcher Erkrankungen sowohl in Mitteleuropa, als auch in den USA, wobei es bei allen Demenzerkrankungen (insbesondere auch bei Morbus Alzheimer) darauf ankommt, solche Substanzen möglichst frühzeitig einzusetzen, s.a. S3-Leitlinie „Demenzen“: Seite 23 (2), d.h. die in der Leitlinie angegebnenen diagnostischen Methoden müssen bereits im Frühstadium ausgeschöpft werden, denn die Voraussetzung für die Wirksamkeit von Galantamin ist eine ausreichende Restfunktion des Gehirns. Aus diesem Grunde hilft Galantamin nur bei leichten bis mittelschweren Demenz-Fällen. Die Substanz kann das Absterben der Nervenzellen zwar nicht aufhalten, aber die Funktion der verbliebenen Zellen verbessern und die Merkfähigkeit, das Orientierungsvermögen sowie die Konzentrationsfähigkeit steigern.

 

Was ist Galantamin und wie wird der Wirkstoff hergestellt?

 

Ausgangspunkt war die chirale Synthese des Galantamins welches 1956 erstmals aus einer kaukasischen Schneeglöckchen-Species isoliert wurde und dessen ZNS-Wirksamkeit auf Basis der Cholinesterase Inhibitoren beruht. Der Wirkstoff Galantamin wird heute in großem Umfang von der österreichischen Firma SANOCHEMIA Pharmazeutika AG in Neufeld an der Leitha (Burgenland, Österreich) nach einem eigenen Verfahren synthetisiert und europaweit vertrieben.

 

Anm.: Nach einer Pressemitteilung der SANOCHEMIA Pharmazeutika AG v. 19. März 2013 wurde der Firma ein US-Verfahrens Patent über die Herstellung eines hochreinen Galantamins erteilt. Durch die Patentierung des Sanochemia-Verfahrens soll eine Erweiterung des bis 2015 weltweit geltenden Syntheseschutzes bis zum Jahr 2027 erreicht werden. Sanochemia hat ein ökonomisches Herstellverfahren mit moderner Metallkatalyse entwickelt das gleichzeitig den hohen regulatorischen Reinheitsanforderungen entspricht(3),  s.a. Homepage der SANOCHEMIA Pharmazeutika AG  http://www.sanochemia.at/en/

 

Galantamin hemmt das Enzym Cholinesterase und verhindert dadurch den Abbau des Botenstoffes Acetylcholin. Dadurch steigt die Menge des Botenstoffes, wodurch Gehirnzellen, die zuvor einen Acetylcholin-Mangel hatten, wieder vermehrt Reize verarbeiten können. Der Patient kann sich dadurch besser orientieren, ist konzentrierter und aufnahmefähiger. Der Wirkstoff Galantamin ist daher nicht nur bei Morbus Alzheimer, sondern auch bei anderen Erkrankungen, an denen Acetylcholin beteiligt ist wirksam, so z.B. bei Persönlichkeitsstörungen nach Schlaganfällen, postoperativem Delirium und Schädel-Hirntraumata, ebenso m.E. bei Hypoxie (Verminderung der Sauerstoffversorgung in Geweben, z.B. im Hirn).

 

Andere Substanzklassen zur potenziellen Behandlung von Morbus Alzheimer

 

Da seit längerem bekannt ist, dass Rheumapatienten ein signifikant höheres Risiko für Morbus Alzheimer haben bzw. die Erkrankung durch die Behandlung mit nichtsteroidalen Antirheumatika (NSAR) eventuell später ausbricht, wurden Studien mit solchen Substanzen, u.a. auch mit Ibuprofen durchgeführt. Die Dosis an nichtsteroidalen Antirheumatika bei Alzheimerstudien ist jedoch wesentlich höher als es für die Schmerzlinderung bei Rheumapatienten notwendig wäre, daher besteht der Verdacht einer Verursachung kardiovaskulärer Probleme bei längerer Anwendung.

 

Die Beeinflussung des Botenstoffes Glutamat durch den NMDA-Rezeptor(N-Methyl-D-Aspartat)-Antagonist Memantin soll die bei Alzheimer-Demenzen gestörte glutamaterge Signalweiterleitung normalisieren, die Studien zeigten jedoch nur eine sehr geringe Wirksamkeit(1). Ebenso haben sich Gingko-biloba Präparate nach neuesten Studien nicht bewährt.

 

Impfung gegen Alzheimer

 

An einer Impfung die der Krankheit vorbeugen oder zumindest das Fortschreiten der Krankheit verhindern soll, wird vielfach geforscht, u.a. von einer Göttinger Forschungsgruppe (4), siehe auch den Beitrag „Alzheimerforschung“ dieses Magazins.

Eine Beta-Amyloid-Immuntherapie auf Basis des monoklonalen Antikörpers Bapineuzumab wird bereits in  klinischen Studien untersucht, die US-Firmen Johnson & Johnson und Pfizer haben im August 2012 jedoch bekannt gegeben, dass sie die klinische Entwicklung von Bapineuzumab einstellen. Der monoklonale Antikörper, der die Beta-Amyloide aus dem Gehirn der Demenz-Patienten entfernen sollte, hat auch in einer zweiten Phase-III-Studie die Erwartungen nicht erfüllt(1),(5).

 

(AR)

(13.6.2013)

 

 

Quellen:

 

(1)    http://de.wikipedia.org/wiki/Alzheimer-Krankheit   (Zugriff: 12.6 .2013)

 

(2)  S3-Leitlinie „Demenzen“: (Kurzversion 2009): http://www.dgppn.de/fileadmin/user_upload/_medien/download/pdf/kurzversion-leitlinien/s3-leitlinie-demenz-kf.pdf


(3)   http://www.sanochemia.at/de/presse/news/pressemeldungen/details/article/us-patent-fuer-verbessertes-syntheseverfahren-zur-herstellung-von-hochreinem-galantamin/articleBack/1/?cHash=a2c448a7a303b01242bee10bbb11c9d3

 

(4)  Aus: medizin aspekte: „Therapie gegen Alzheimer: Göttinger Forscher entwickeln neuen Ansatz für passive Immunisierung“:http://www.medizin-aspekte.de/2010/11/395333_12595.html


(5)  Alzheimer: Zweite Studie zur Antikörpertherapie abgebrochen.

      Deutsches Ärzteblatt, 7. August 2012, abgerufen am 12. August 2012.

 

 

Pharmaka sind Wirkstoffe für therapeutische oder diagnostische Zwecke, allerdings gilt der von Paracelsus (1493-1541) geprägte Satz:

 

„Alle Dinge sind Gift, und nichts ist ohne Gift; allein die Dosis machts, daß ein Ding kein Gift sei“.

 

Paracelsus machte sich bei seinen Vorlesungen in Basel oft unbeliebt weil er sie 1). auf deutsch hielt und 2). die vorherrschende Meinung der Humoralpathologie des Galen oft als Bücherweisheit medizinischer Gelehrter kritisierte.

 

 

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© Dr. Alfred Rhomberg