Aspirin (ASS) – als Herzinfarktprophylaxe?

  

Aspirin, Acelylsalicylsäure (ASS) - Bild: Public Domain

 

 

Aspirin (ASS) als Herzinfarktprophylaxe? Die Problematik medizinischer Studien

 

Dass Acetylsalicylsäure (ASS) die Wahrscheinlichkeit eines Reinfarktes verringert, ist hinreichend durch Studien belegt – problematischer ist die Frage, ob man als „Gesunder“ (d.h. ohne besondere Hinweise wie erhöhtem Blutdruck, erhöhte Cholesterin- bzw. erhöhte LDL-Werte etc.) ASS auch prophylaktisch nehmen soll, bzw. ob sich die Wahrscheinlichkeit einen Herzinfarkt (oder auch zerebrale Insulte) zu erleiden, bei niedriger täglicher Dosierung durch ASS (ca. 100 mg) verringert. Hier überwiegen in letzter Zeit Studien die eine solche prophylaktische Wirkung für Herzinfarkte eher verneinen oder zumindest neutral einschätzen, weil die bekannte Gefahr von Blutungen im Magen/ Darmbereich höher eingeschätzt wird als der eventuelle Nutzen.

 

Bekanntlich weist Aspirin, dessen Wirkung als Bestandteil der Weidenrinde bereits im Altertum (1) bekannt war, von der Dosis abhängend unterschiedliche Wirkungen auf, wobei die Substanz schon in kleinen Mengen (30-50 mg) durch die Hemmung der Cyclooxygenase COX-1 gerinnungshemmend wirkt. Mit steigender Dosis (0,5-2 g) wirkt ASS durch Hemmung von COX-1 und COX-2 und der sinkenden Bildung von Prostaglandinen schmerzstillend, antirheumatisch, fiebersenkend und bei noch höheren Dosen (2-5 g) entzündungshemmend, wobei Dosen ab 10 g pro Tag bereits tödlich wirken können.

 

Anm.: Als die positive Wirkung von ASS zur Prophylaxe von Reinfarkten durch Studien näher untersucht wurde, war die mit Aggregationshemmern forschende Pharmaindustrie in den 70-iger Jahren irritiert, dass kleine Mengen von ASS (30-100 mg) offenbar täglich eingesetzt werden müssen, um die Reinfarktprophylaxe zu bewirken, obwohl auch bei diesen kleinen Dosierungen eine wesentlich längere Zeit (8-10 Tage) die erwünschte Veränderung der roten Blutkörperchen nachgewiesen werden kann, weil die Gerinnungsveränderung nämlich irreversibel ist und erst durch langsame Neubildung von Erythrozyten aufgehoben wird. Wirklich geklärt ist dieses Phänomen bis heute noch nicht.

 

Zur Problematik medizinischer Studien bei ASS

 

Die allgemeine Problematik medizinischer Studien wurde bei ASS besonders deutlich, als auch karzinomhemmende Wirkungen von Darm- und Bauchspeicheldrüsenkrebs bekannt wurden, wobei es in neuerer Zeit zu ganz unterschiedlichen Ergebnissen kam. So wurde z.B. 2004 in einer Studie mit 88.000 Teilnehmerinnen (Nurses’ Health Study, 1976 begonnen) ein ungünstiger Zusammenhang zwischen langjähriger Aspirineinnahme und Bauchspeicheldrüsenkarzinom bekannt, obwohl kurz zuvor in der Iowa Women’s Health Study (mit 28.000 Teilnehmerinen) gezeigt wurde, dass die regelmäßige Einnahme von Aspirin vor Bauchspeicheldrüsenkrebs schützt. Die American Cancer Society zeigte dann mit insgesamt 987.590 Teilnehmern, dass ASS weder einen schützenden, noch fördernden Einfluss hinsichtlich des Bauchspeichelkarzinoms hat, andererseits wird 2004 im „Journal of National Cancer Institute“ vor Aspirin gewarnt, es könne die Schleimhäute des Darms schädigen und dadurch Krebs auslösen (2), ähnlich warnt hier auch die Gastroenterologin Dr. Neena S. Abraham am Michael E. DeBakey V.A. Medical Center 2010 in einem Artikel in der New York Times:

 

„Es ist wichtig, daran zu denken, dass alle NSAPs (Nichtsteroidale Antirheumatika) – darunter auch verschreibungsfreies Aspirin – die Fähigkeit besitzen, Gewebe im Verdauungssystem zu beschädigen. Diese Schäden können überall auftreten – vom Mund bis zum Anus. […] Aspirin ist kein Nahrungsergänzungsmittel – es ist ein Medikament, welches Risiken birgt und Nebenwirkungen aufweist“

 

 

In „Die Welt online“ v. 8.12.2012 wird dagegen berichtet, dass britische Forscher um Peter Rothwel der Universität Oxford in einer Metastudie gefunden haben, dass zahlreichen Krebsformen (Darmkrebs, Bauchspeicheldrüsenkarzinom und Prostatakrebs - sofern dieser nicht bei Rauchern auftritt) mit ASS vorgebeugt werden kann (3).

 

Jeder, der wie der Autor dieses kleinen Übersichtsbeitrags über 40 Jahre in der Pharmaforschung gearbeitet hat, kennt die Problematik selbst großangelegter Studien. Besondere Vorsicht ist jedoch bei den oft zitierten Metaanalysen (oft nicht ganz richtig „Metastudien“ genannt) angebracht, in welchen eine Zusammenfassung vieler Primär-Studien mit den Methoden der analytischen Statistik zu Metadaten versucht wird.

 

Sowohl hinsichtlich der Prophylaxe zur Vorbeugung von Herzinfarkten, als auch bezüglich der Karzinomprophylaxe sind vermutlich weitere Studien erforderlich. Da ASS auch bei peripheren Durchblutungsstörungen eingesetzt wird, sprechen neuere Daten dafür , dass für diese Indikation ASS dem etwas wirksameren Clopidrogel (auch wegen des höheren Preises von Clopidrogel) vorgezogen werden kann.

 

Bei allen Studien muss die Dosierung von ASS stärker untersucht werden. So geht u.a. aus der obengenannten „Nurses’ Health Study“ hervor, dass bei Frauen die 14 g (!) ASS pro Woche genommen hatten, ein um 86 % höheres Krebsrisiko besteht.

 

Zusammenfassung: Die eingangs gestellte Frage, nämlich ob die tägliche Einnahme kleiner Mengen von Aspirin vor Herzinfarkt schützt, kann derzeit daher nur so beantwortet werden, dass eine solche Prophylaxe nur bei PatientInnen mit bereits bekannten Risikofaktoren wie erhöhtem Blutdruck und zugleich erhöhten Lipidwerten (LDL-Cholesterin und Trigyceridwerte) oder bei Patienten mit bereits eingesetzten Stents (4) und (5) empfohlen werden sollte.

 

 

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 Quellen und Anmerkungen:

 

(1)  Schon im antiken Griechenland und von den Germanen wurde der Saft der Weidenrinde, der Aspirinähnliche Stoffe enthält (meist durch Kochen der Rinde) gegen Fieber und Schmerzen aller Art eingesetzt (u.a. von Hippokrates).

 

(2)  http://www.zentrum-der-gesundheit.de/aspirin-krebs-ia.html

 

(3)  http://www.welt.de/gesundheit/article11447811/ASS-kann-das-Krebsrisiko-deutlich-verringern.html

 

(4)  Blutgefäßstents verschließen sich in 20–30 % aller Fälle durch Neubildung von Gewebe wieder. Eine solche Restenose soll durch medikamentenfreisetzende Stents (siehe Anm. des Verfassers (5) weiter unten) verhindert werden. Parallel wird in der Regel eine medikamentöse Antikoagulations-Behandlung durchgeführt, mit Clopidrogel meist für einen Zeitraum von sechs Monaten bis zu einem Jahr nach der Stentimplantation sowie Acetylsalicylsäure ohne zeitliche Beschränkung. Die Medikamente wirken als Thombozyten-Aggregationshemmer und vermindern so die Gefahr von Stent- und Gefäßverschlüssen (Zitat aus der Wikipedia-Enzyklopedie)

 

      (5) http://flexikon.doccheck.com/de/Medikamentenfreisetzender_Stent

 

 

    

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© Dr. Alfred Rhomberg