Bachblüten

 

Star of Bethlehem - Bildquelle entnommen http://www.heilkraeuter.de/star-of-bethlehem.html

Bachblüten

 

Das Risiko, diesen Beitrag zu publizieren ist insofern kalkulierbar, als die Gruppe von BachblütenanhängerInnen anderen Gruppe, die nicht daran glauben, relativ friedlich gegenüber steht. Wer bei diesem Beitrag dennoch in Zorn geriete, dem sei die Bach-Blüte Nr. 29, Star of Bethlehem gegen Trauma oder Schock empfohlen (1).

 

Es soll versucht werden, sachlich zu bleiben: Bachblüten sind mit Ausnahme der „Notfalltropfen“ völlig ungefährlich und letztere sind nur deswegen gefährlich, weil diejenigen, die zu stark an sie glauben u.U. wichtige ernste Notmaßnahmen versäumen.

 

JedEr weiß, dass es sich bei Bachblüten nicht um Essenzen von Blüten, die am Bachrand wachsen handelt, sondern der Name sich von dem englischen Arzt Dr. Edward Bach (1886-1936, ursprünglich Unfallchirurg, aber auch Bakteriologe) ableitet, der sich in den letzten Jahren seines Lebens mit bestimmten Heilkräutern als psychosomatisch wirksame Heilmittel befasste. An der Grundidee, dass viele Erkrankungen psychosomatisch verursacht sind, ist nicht zu zweifeln, seine Einteilung in 7, später 38 Persönlichkeitstypen hält heutigen Erkenntnissen allerdings nicht mehr stand.

 

Die psychosomatische Medizin ist ein medizinisches Pendant zur psychologischen Psychotherapie – sie ist ein relativ junges Fachgebiet. Am 32. Deutschen Ärztetag 1992 wurde das Fachgebiet „Psychotherapeutische Medizin“ gegründet, das beim Ärztetag 2003 in „Psychosomatische Medizin und Psychotherapie“ umbenannt wurde. Doch Vorsicht: nicht überall wo „psychosomatisch“ darauf steht sind auch psychosomatisch wirksame Ingredienzien drin.

 

Zunächst soll auf die positiven Seiten der Psychosomatischen Medizin eingegangen werden. Das positivste an dieser Fachdisziplin ist sicher, dass sie sich kommunikativ mehr um den Patienten kümmert als die Psychiatrie – dies hat sie mit der traditionellen chinesischen Medizin (TCM) gemein. Der positive Einfluss psychosomatischer Therapien ist, wie bereits unbestritten – auch autogenes Training, ebenso wie Yoga, müssen in den Begriff der Psychosomatischen Medizin eingereiht werden. Es ist erwiesen, dass durch autogenes Training der Blutdruck deutlich gesenkt werden kann und sogar positive Einflüsse auf das Immunsystem dürften als erwiesen gelten – nur: was heute unter psychosomatischen Therapien „mitläuft“ ist oft fragwürdig – besonders der Preis solcher Behandlungen, der bar oder durch online-banking im Versandhandel bezahlt werden muss.

 

Doch zurück zu Bachblüten:

 

Das Zitat von Dr. Edward Bach „Wenn ich Hunger habe, gehe ich in den Garten und hole mir einen Apfel: wenn ich ängstlich bin, nehme ich eine Dosis „Mimulus“ zeigt, dass Bach nicht den körperlichen, sondern eher den Gemütszustand stimulieren wollte. Es ist wissenschaftlich erwiesen, dass keine der 38 Bachblütenessenzen irgend eine Wirksamkeit hat, die über den Placebo-Effekt – also einer Pille ohne Wirkstoff – hinaus geht. Der normale Placeboeffekt wird in klinischen Studien mit ca. 5 % eingeschätzt, es gibt aber auch Hinweise, dass dieser Effekt gelegentlich bis zu 30 % ausmachen kann. Das macht klinische Studien mit ernstzunehmenden Pharmaka so schwierig, denn dies bedeutete, dass Wirkungen eines zu prüfenden Arzneimittels erst oberhalb der 30 % Grenze gelten sollten. Moderne Arzneimittel bestehen selbstverständlich diesen Test – Homöopatica und Bachblütenessenzen dagegen nicht (oder nur sehr selten).

 

Wer sich als langjähriger Forschungschemiker, mit Arzneimitteln und Arzneimittelprüfungen im Umfeld medizinischer Studien beschäftigt hat, würde seiner naturwissenschaftlichen Verpflichtung, alles neutral zu betrachten, und auch ungewöhnliche Phänomene in sein Naturwissenschaftsbild mit einzubeziehen, nicht gerecht. Wer jedoch in Bachblütenessenzen mehr als nur eine psychologische Wirkung sieht, ginge am Wesen dieses Themas vorbei, ebenso wie diejenigen, die überhaupt nicht an deren Wirkung glauben.

 

„Der Glaube versetzt Berge“ und das gilt auch für Bachblüten

 

Wer z.B. daran glaubte (das gilt nicht nur für Bachblüten), dass fünfmaliges Niesen (hintereinander) Gesundheit brächte, unterläge einem verhängnisvollen Irrtum. Wenn jedoch irgend jemand das „Niesen“ als gesundheitsfördernd charismatisch vertreten würde und dadurch eine neue Schule der „Sternutiosomatischen Medizin“ (sternutio heißt „niesen“) gründete, könnte mit Sicherheit Anhänger dieser neuen Schule von vielen Erkrankungen heilen und das Niesen durch „Nieskurse“ zusätzlich teuer verkaufen.

 

Aufgabe dieses Beitrages ist bei aller Skepsis, dass diejenigen die an die Wirkung von Bachblüten glauben zumindest keinen Schaden erleiden - und wenn dadurch ein Zustand erreicht würde, in welchem man sich psychisch wohler fühlt, wird auch ein psychosomatisch bedingter Nutzen erreicht.

 

Dr. Bach hatte 38 verschiedene psychische Zustände postuliert und dafür 38 Bachblüten kreiert. Würde er unsere heutige Lebensweise kennen, so hätte er sicher einige Dutzend weitere psychische Zustände gefunden und dementsprechend weitere Dutzend Bachblüten vorgeschlagen (Pech für die Verkäufer von Bachblütenextrakten, dass Dr. Bach schon im Jahre 1936 gestorben ist).

 

Gegen Bachbüten ist also im Grunde, was den psychosomatischen Effekt betrifft, nichts einzuwenden, außer gegen die „Notfalltropfen“ (Rescue-Tropfen) - übrigens die einzige Blütenmischung, die Dr. Bach selbst zusammengestellt hat. Die „Rescue-Tropfen“ enthalten neben dem „Star of Bethlehem“ noch weitere vier Blütenextrakte). Sie sind nicht deswegen gefährlich, weil sie fünf verschiedene Bachblütenmittel enthalten, sondern – wie oben beschrieben – gerne als Ersatz für dringend notwendige ärztliche Behandlung eingesetzt werden.

 

(AR)

(Version 11.12.2012)


(1) Es ist nicht ganz sicher, dass die in der angegebenen Quelle dargestellte Blume wirklich der „Star of Bethlehem“ ist. Der Star of Bethlehem heißt auch Christmas Star und Christrosen haben bei aller Sortenvielfalt nur fünf Blütenblätter, sie besitzen giftige Alkaloide und gehören zu den Niewurzgewächsen – deswegen kam es zur Assoziation zu “sternutio” = niesen. Zur Pharmazeutischen Chemie gehören auch etwas Botanikkenntnisse – dies ist manchmal nützlich – manchmal schüren sie vielleicht unberechtigte Zweifel.


 

Nachtrag:

 

Da dieser Beitrag in veränderter Form bereits in den „Igler Reflexen“ publiziert wurde, gab es zu dem Thema auch viele Kommentare. Die Quintessenz solcher Kommentare soll hier gekürzt und ohne Namensnennung wiedergegeben werden, weil darin einige interessante Gedanken zum Ausdruck kamen.

 

Ein Kommentator: Aus meiner philosophischen Haltung heraus wage ich nicht über die Wirkung dieser und jener medizinischen Heilmethoden zu urteilen, aus meinem Kenntnisstand muss/darf ich diesen bei der Wirkung damit auch annehmen. Ihre kritische Stimme hier hat mir sehr gefallen, wenn ich mich recht erinnere sprachen Sie einmal in Richtung der Erfolge psychotherapeutischer Behandlungsrichtungen: Es scheine, dass nur das persönliche Gespräch Wirkung erziele. Mich erinnert das an eine Diskussion auf Ö1, bei dem ein Wissenschaftler behauptete und seiner Meinung nach auch bewies, die Wirkung von Pharmazeutika beruhe zu 50% auf Einbildung, Rest Nebenwirkung. Er wurde von den anderen Diskussionsteilnehmern sofort “exkommuniziert”. Insofern können Bachblüten wohl doch weniger Schaden anrichten als “harte” Psychopharmaka.

 

RE: Ich hätte einen solchen Wissenschaftler vermutlich in einer Diskussionsrunde ebenfalls „exkommuniziert“ – allerdings aus einem anderen Grund: tatsächlich muss man bei bestimmten Krankheitsbildern Arzneimittel nehmen (z.B. Altersdiabetes, hoher Blutdruck, Verschleiß des Knochenapparates durch Übergewicht, Krebs, ernste Infektionen etc). Die höhere Lebenserwartung beruht heute in erster Linie auf besserer Frühdiagostik, besserer Chirurgie und guten Arzneimitteln. Bei den psychosomatischen Erkrankungen hilft in erster Linie, dass frau/man sich ihrer bewusst wird und das geht fast nur durch das Gespräch mit geeigneten TherapeutInnen und Training (autogenes Training, Yoga etc.) Leider lassen viele Berufe dem Menschen immer weniger Zeit dazu. In meiner früheren Firma wurden wir so trainiert, dass isometrische Übungen, die den Muskelapparat verbessern, sogar bei Konferenzen unbemerkt durchgeführt werden konnten – theoretisch wären auch Yoga-Übungen während der Dienstzeit einplanbar – für autogenes Training bedarf es allerdings völliger Entspanntheit, die es im Berufsalltag nicht geben kann.

 

Bachblüten schaden wegen ihrer niedrigen Wirkstoffkonzentrationen natürlich weniger als Arzneimittel, sofern frau/man noch keine diagnoszierbaren Erkrankungen hat (und auch bei nicht bewältigten schlechten Stimmungen), nur brauchte man da auch keine Arzneimittel und keine Bachblüten. Auch wer als 45-Jähriger etwas erhöhten Blutdruck oder einen etwas zu hohen Cholesterinwert hat, braucht in vielen Fällen noch keine Arzneimittel, sondern es genügen meist Gewichtsabnahme und körperliche Bewegung. Wenn ein 60-jähriger Alterszucker hat, geht es allerdings nicht ohne ein Antidiabeticum (oder Insulinspritzen)….

 

Ein anderer Kommentar: Ich will Ihnen danken, dieses so oft diskutierte Thema aufgegriffen zu haben, das sonst wohl nur seltenst in die Medien gelangt. Eine Anmerkung hätte ich dazu noch: Mir kam es immer so vor, als würden gerade die verschreibenden Personen empfehlen, dass solcherlei Homöopathie nie eine “normale” medizinische Behandlung ersetzen, nur unterstützen könne.

 

RE: Genau das ist das Dilemma. Apotheker, die sich beim Erfolg von Homöopatica wegen der häufige Gesprächskontakte manchmal besser auskennen, sagen oft „Ich kann es Ihnen nicht versprechen, bei manchen hilft es“ (meist bei Erkältungen oder Heuschnupfen). HeilpraktikerInnen vermeiden oft solche Empfehlungen, möglicherweise, weil dadurch auch der psychologische Effekt der Behandlung leiden könnte. Die Meinung des Autors ist: wer wirklich krank ist braucht auf Wirksamkeit geprüfte Arzneimittel – und wer nur „unpässlich“ oder „indisponiert“ ist, braucht weder Arzneimittel noch Homöopathica…

 

(Kommentarantworten geschrieben von Alfred Rhomberg, am 03.08.2010)

 

 

Pharmaka sind Wirkstoffe für therapeutische oder diagnostische Zwecke, allerdings gilt der von Paracelsus (1493-1541) geprägte Satz:

 

„Alle Dinge sind Gift, und nichts ist ohne Gift; allein die Dosis machts, daß ein Ding kein Gift sei“.

 

Paracelsus machte sich bei seinen Vorlesungen in Basel oft unbeliebt weil er sie 1). auf deutsch hielt und 2). die vorherrschende Meinung der Humoralpathologie des Galen oft als Bücherweisheit medizinischer Gelehrter kritisierte.

 

 

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© Dr. Alfred Rhomberg